Zines und Zine-Feste

Zines

Illustration by Tine Fetz


Fanzines haben als Informationsträger für viele Szenen an Bedeutung verloren, was sich beispielsweise daran zeigt, dass es heute deutlich weniger Punkfanzines gibt als noch in den 1990er Jahren. Wenn es um Konzertberichte, Plattenkritiken und Szenediskurse geht, bieten sich heute u. a. Blogs als Alternative an. Nichtsdestotrotz existiert weiterhin eine lebendige und vielfältige Zineszene. „Zine“ hat sich als Oberbegriff für selbstgemachte Zeitschriften etabliert, da die Fanperspektive nur noch in Ausnahmefällen eine Rolle spielt, der DIY-Gedanke im Sinne eines kritischen Verhältnisses zu Konsum und Produktion hingegen weiterhin im Vordergrund steht. Zinemacher*innen treffen sich regelmäßig bei Zinefesten. Das Zinefest Berlin findet seit 2011 jedes Jahr statt. Das Spektrum der dort angebotenen Hefte ist breit gefächert. Klassische Musikfanzines gehören zwar auch dazu, sind aber eher die Ausnahme, die thematischen Schwerpunkte vieler Hefte liegen in anderen Bereichen. Zum einen gibt es eine große Bandbreite an Zines aus den Bereichen Kunst, Grafikdesign und Comic. Hier steht die ästhetische Qualität im Vordergrund, was sich an der häufig aufwendigen Gestaltung und handwerklichen Qualität der Hefte zeigt. Zum anderen haben viele Hefte einen queeren / queer-feministischen Hintergrund, viele kommen aus dem Kontext der LGBTI*-Community. In diesen Zines geht es oft um sexuelle Selbstbestimmung. Sie behandeln Themen wie Sexismus, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit in der Gesellschaft, Konsum- und Kapitalismuskritik, Liebe und Beziehungen, psychische Gesundheit, Körper und Identität, aber auch pop- und subkulturelle Themen. Die Zines können ganz unterschiedliche Textarten enthalten – von Essays über persönliche Erfahrungsberichte bis hin zu literarischen Texten, auch Comics, Kunst, Collagen und Fotografie kommen vor. Die Bedeutung queer-feministischer Themen für die Zineszene ist auch daran zu erkennen, dass es in Berlin mehrmals im Jahr kleine Mini-Queer-Zine-Feste gibt, beispielsweise im f.a.q. Infoladen in Berlin-Neukölln.

Beim Zinefest Berlin 2015 in den Kreuzberger Mehringhöfen bieten über 60 Zinemacher*innen ihre Hefte an. Die Teilnehmenden kommen nicht nur aus Berlin und dem restlichen Bundesgebiet, sondern auch aus dem europäischen Ausland und Nordamerika, die Szene ist international sehr gut vernetzt. Neben dem Verkauf und Tausch von Zines gibt es Workshops und Vorträge und die Veranstaltung bietet die Gelegenheit zum Austausch.

Die Wurzeln der Zinefeste liegen u. a. in der feministischen Jugendkultur der Riot Grrrls, die Anfang der 1990er Jahre in der US-amerikanischen Punk- und Hardcore- Szene entsteht, und in der Zines und andere Aspekte der DIY-Kultur wie der Aufbau eigener Strukturen eine wichtige Rolle spielen. Riot Grrrl übt Kritik am Sexismus und den sexistischen Strukturen in der Gesellschaft. Der Fokus liegt dabei auf der Situation in der männlich dominierten Punk- und Hardcoreszene. Deshalb ist Vernetzung und Empowerment der in der Subkultur aktiven Mädchen, Frauen und Transgender ein zentrales Anliegen dieser Bewegung. Aus dem Kontext der (Post-)Riot Grrrls kommen auch die Ladyfeste und die Girls*- Rock-Camps, die als eines der Vorbilder der Zinefeste gesehen werden können. Die meist mehrtägigen Ladyfeste bestehen in der Regel – ähnlich wie heutige Zinefeste – aus einem vielfältigen Angebot an Workshops, Konzerten, Diskussionsveranstaltungen, Ausstellungen und Partys. 2003 finden in Berlin (female up!), Leipzig und Hamburg die ersten Ladyfeste Deutschlands statt. Das AdJ besitzt eine kleine Sammlung an Riot-Grrrl-Zines und Materialien zu Ladyfesten und Girls*-Rock-Camps.

Neben Zinefesten sind unabhängige Vertriebe, auch Distros genannt, für die Verbreitung von Zines und für die internationale Vernetzung der Macher*innen wichtig, da sich Zines als subkulturelles Medium abseits des Mainstreams und außerhalb der Vertriebswege von Kioskzeitschriften bewegen. Im queer-feministischen Bereich ist hier das Heavy Mental Zine Distro aus Berlin zu nennen, das eine große Auswahl an deutschsprachigen und internationalen Zines anbietet. Bekannte aktuelle queer-feministische Zines aus Berlin sind u. a. 15 ¾ Stories, Brav_a, Ethical Sloth, Grrrls in Subculture, La Moustache, Trouble X oder Wer A sagt, muss nicht B sagen. All diese Zines und viele weitere Hefte aus den letzten Jahren, nicht nur mit queer-feministischem Hintergrund, sind in der Sammlung des AdJ zu finden.