Hausbesetzer

Illustration by Tine Fetz

Besetzte Häuser spielen in Berlin immer wieder eine wichtige Rolle für subkulturelle Szenen. In den frühen 1970er Jahren versuchen Jugendliche, insbesondere marginalisierte Gruppen wie Heimkinder und obdachlose Jugendliche, sich im Rahmen der Jugendzentrumsbewegung selbstorganisierte Räume zu schaffen. Zu den ersten dauerhaft besetzten Häusern in West-Berlin gehören das Georg-von-Rauch-Haus (1971) und das Tommy-Weisbecker-Haus (1973) in Kreuzberg. Flugblätter, Protokolle und Manifeste aus dem Kontext dieser Berliner Jugendzentren sind im AdJ gesammelt. 

Eine zweite Welle der Besetzungen beginnt Ende der 1970er Jahre. Sie ist eine Reaktion auf die Mitte der 1960er Jahre beschlossenen Flächensanierungspläne West-Berlins, die den Abriss einer großen Zahl an Altbauten und den Neubau moderner Wohnblöcke vorsehen. Trotz akuten Wohnraummangels stehen viele zum Abriss freigegebene Häuser seit Jahren leer, weshalb der Protest gegen die Abrisspläne immer lauter wird. 1977 wird die Bürgerinitiative SO 36 gegründet, die für ihre Aktionen den Begriff „Instandbesetzung“ prägt und 1979 beginnt, leerstehende Häuser in Kreuzberg zu besetzen. Schweren Straßenschlachten mit der Polizei zum Trotz steigt die Zahl der Besetzungen in den folgenden Jahren an, auch außerhalb Kreuzbergs. An den Besetzungen beteiligen sich Gruppen aus verschiedenen Szenen, z. B. aus der Autonomen Szene, der Frauenbewegung und der Punkszene. Sie alle sind auf der Suche nach Freiräumen für alternative Lebensformen. Bis heute bestehende Einrichtungen wie das Frauenzentrum Schokofabrik oder das sozio-kulturelle Zentrum Regenbogenfabrik entstehen in dieser Zeit. 1981 entwickelt der Senat die Berliner Linie der Vernunft, die besagt, dass neu besetzte Häuser innerhalb von 24 Stunden durch die Polizei geräumt werden. Die Zahl der Neubesetzungen geht zurück und nach 1984 scheitern alle Versuche, Häuser langfristig zu besetzen. Von den bis dahin rund 200 besetzten Häusern wird etwa die Hälfte legalisiert, alle anderen werden geräumt. Diese Entwicklungen sind nicht nur anhand der im AdJ gesammelten Zeitschriften aus der Besetzer*innen-Szene wie der Instand-Besetzer-Post, sondern auch anhand der Berliner Punkfanzines nachvollziehbar.

Auch in der DDR besteht Mangel an Wohnraum und es kommt zu Besetzungen, meist von einzelnen Wohnungen. Allein in Ost-Berlin gibt es Ende der 1980er Jahre weit über 1.000 besetzte Wohnungen. Dieses sogenannte „Schwarzwohnen“ wird in der Regel von den Behörden geduldet, da es häufig rein pragmatische Gründe hat und die Besetzer*innen keine politischen Forderungen formulieren. Allerdings gibt es auch subkulturelle und oppositionelle Gruppen, die Besetzungen als Möglichkeit nutzen, um Freiräume zu schaffen. Der Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg gilt als Zentrum dieser Szene, hier gibt es auch einige komplett besetzte Häuser, in denen politische Gruppen aktiv sind und ostdeutsche Punk- und Untergrund-Rockbands wie Feeling B oder Freygang proben.

In der chaotischen Zeit nach dem Mauerfall kommt es im Ostteil der Stadt aufgrund eines hohen Leerstandes und ungeklärter Besitzverhältnisse massenhaft zu neuen Hausbesetzungen. Hier sind überwiegend ostdeutsche Jugendliche aktiv, die sich aus dem Untergrund kennen. Hinzu kommen Zugezogene aus Westdeutschland und anderen Ländern, darunter viele Kulturschaffende und Künstler*innen. Eine Vielzahl an Technoclubs, Bars und Galerien eröffnet und es entsteht eine breite subkulturelle Szene. Internationale Bekanntheit erlangt das 2012 geräumte Kunsthaus Tacheles in Mitte.

Auch die West-Berliner Autonome Szene beteiligt sich an Besetzungen in Ost-Berlin. In der Mainzer Straße in Friedrichshain entsteht in dreizehn Häusern ein Zentrum der linksradikalen Szene. Diese werden im November 1990 von der Polizei geräumt, es kommt zu schweren Ausschreitungen. Ein Großteil der anderen in der Nachwendezeit besetzten Häuser wird in den darauffolgenden Jahren legalisiert. Das Thema der Legalisierung, damit einhergehend die Frage nach der Bereitschaft zu Verhandlungen, ist ein zentraler Streitpunkt in der Besetzer*innenszene. Außerdem gibt es Konflikte z. B. zwischen ost- und westdeutschen Gruppen oder zwischen Autonomen und Punks. In den frühen 1990er Jahren kommt es regelmäßig zu Angriffen und Brandanschlägen auf Hausprojekte durch Neonazis. Aus dieser Zeit stammt die in der Sammlung des AdJ zu findende BZ – BesetzerInnenzeitung, ein Infoblatt, das die Bewohner*innen verschiedener Hausprojekte herausbringen.

Nach 1990 werden weitere Besetzungen in der Regel verhindert und im Laufe der Jahre werden viele der in der Wendezeit entstandenen Projekte verdrängt. Trotzdem sind einige der damals entstandenen subkulturellen Strukturen bis heute erhalten geblieben. Eine der wenigen erfolgreichen neuen Besetzungen der letzten Jahre ist die 2012 von Geflüchteten besetzte Gerhard-Hauptmann-Schule in Kreuzberg.

Mehr Infos zum Thema Hausbesetzungen gibt es auf der Webseite Berlin Besetzt.